Gastbeitrag
Wie die Bildagentur Getty Images die Kundschaft veräppelt
Wenn Bildredakteure bei der renommierten Bildagentur Getty für die Illustration eines Artikels Fotografien suchen, stossen sie oft auf computergenerierte Bilder, die danach der Leserschaft fälschlicherweise als Abbild der Realität angeboten werden. Eine Spurensuche entlang eines Tiefseekabels.

Dieser Gastbeitrag wurde als Erstes in der NZZ am Sonntag vom 15. März 2025 veröffentlicht.
Alle Rechte vorbehalten (Text und Bilder sind von CC By Lizenz ausgenommen).
Im Spätherbst letzten Jahres wurde in der Ostsee ein Tiefseekabel zerstört. Am 21. November haben unter anderem die Schweizer «Freiburger Nachrichten» dieses Ereignis mit untenstehendem Bild der Bildagentur von Getty Images illustriert.

Bildzitat, Freiburger Nachrichten vom 21.11.2024. Alle Rechte vorbehalten.
Auf Nachfrage bei der Zeitungsredaktion, ob es sich bei diesem Bild um eine Fotografie oder ein KI-generiertes Bild handeln würde, lautete die Antwort nach Rücksprache bei CH-Media, die den Freiburger Nachrichten den Artikel geliefert hat, es sei «kein KI-generiertes Foto». Nachforschungen auf der Homepage der zu Getty gehörenden Bilddatenbank istockphoto.com ergaben erstens, dass das Bild dort als «Fotografie» angeboten wird und zweitens, dass auf dieser Bilddatenbank keine KI-generierten Bilder angeboten werden. So weit so gut.
Doch die Zweifel an der Authentizität dieses Bildes waren damit nicht ausgeräumt: Liegt ein Tiefseekabel völlig unbeschmutzt auf dem blanken Meeresgrund? Woher stammt der Lichteinfall im Hintergrund des Bildes? Gibt es auf dem Meeresgrund tatsächlich solche Steinformationen, wie sie oben links im Bild zu sehen sind? Und welcher Fotograf war eigentlich so tief unten auf dem Meeresgrund unterwegs?
Angesprochen auf diese Zweifel an der Authentizität des Bildes, teilte die bei CH-Media für den Einsatz von KI zuständige Expertin Alexandra Stark mit, man müsse sich bei Bildagenturen auf deren Angaben verlassen können. Dem ist beizupflichten, insbesondere bei Getty, weil diese Agentur allgemein als seriöser Anbieter gilt, ein Kooperationspartner der Nachrichtenagentur AFP (Agence France Press) ist und selber seine Bildzulieferer ermahnt: «Das Vertrauen von Kunden in die Authentizität Ihrer Bilder ist wichtiger denn je.» Auf der zu Getty gehörenden Plattform istockphoto.com sind folgende Infos zum Bild des Tiefseekabels verfügbar: «Underwater Fiber Optic Cable On Ocean Floor stock photo.» In insgesamt drei Chats mit drei unterschiedlichen KundenberaterInnen von istockphoto.com und Getty versichern alle drei, dass es sich um eine Fotografie handeln würde. Auf die Nachfrage, ob es sich nicht um ein computergeneriertes Bild handeln könnte, will man dies schliesslich abklären und sich wieder melden – doch die Antwort auf diese Frage bleibt wochenlang aus. Und die Kontaktdaten des unter dem Pseudonym «imaginima» agierenden Bildautors gibt Getty nicht preis.
Eine intensive Internetrecherche ermöglicht schliesslich den direkten Kontakt zum Autoren: Dieser erklärt, das Bild sei keine Fotografie, sondern ein am Computer mittels 3D-Rendering erstelltes Bild. Hierzu wird über technische Daten zuerst die Form der darzustellenden Objekte definiert. Danach werden die so «gebauten» Bildbestandteile mit Oberflächeneigenschaften ausgestattet (z.B. steiniger Untergrund) und dann die Lichtquellen und -effekte definiert. Am Schluss wird festgelegt, von welchem virtuellen Aufnahmestandpunkt aus und mit welcher virtuellen Objektivbrennweite das Bild errechnet werden soll. Mit dieser Technologie lassen sich mittlerweile dermassen fotorealistische Bilder erstellen, die von echten Fotografien nicht mehr zu unterscheiden sind. Oder mit anderen Worten: Mittels KI oder 3D-Rendering erstellte Bilder kann man bezüglich ihrer Authentizität auf eine Stufe stellen: Sie sind nicht authentisch, weil sie keine gewesene Realität abbilden, sondern eine solche bloss simulieren.
Angesprochen auf die Problematik, dass Getty seine so 3D-gerenderten Bilder als Fotografien anbietet, meint der Autor lapidar: Bei Getty seien schon immer solche künstlich erstellten Bilder als Fotografien angeboten worden.
Einige Tage nach dem dritten Chat mit dem Kundendienst von Getty folgt dann endlich auch die schriftliche Bestätigung von dort, dass es sich beim Bild des Tiefseekabels definitiv um keine Fotografie handelt.
Konfrontiert mit der Frage, weshalb am Computer generierte Bilder bei Getty dennoch als Fotografien deklariert werden, kommt von dessen Hauptsitz in Seattle nur eine ausweichende Antwort: «Bei den Inhalten in unserer Kreativbibliothek handelt es sich per Definition um kreative Werke, die von Künstlern, seien es Fotografen, Illustratoren oder andere, erstellt wurden. Dazu gehören sowohl mit der Kamera aufgenommene als auch mit Hilfe von Computersoftware und -tools erstellte Bilder.»
Doch selbst wenn man bei Getty in der «Creative»-Bibliothek die Suchkriterien auf «Photo» limitiert und nach der entsprechenden Bildnummer sucht, wird einem das computergenerierte Bild des Tiefseekabels angeboten. Und schlimmer noch: Wer in der Kategorie «Editorial», die explizit Bilder für Informationsmedien bereitstellt, auf dieselbe Art nach diesem Bild sucht, erhält das Bild angezeigt.
Laut einer von Getty Images selberdurchgeführten und 2024 publizierten Studie wünschen sich fast 90% der Verbraucher Transparenz von am Computer generierten Bildern. Dass Getty nicht nur diesem Wunsch nicht nachkommt, sondern gleich noch ein KI-Tool anbietet, mit dem gewählte Bilder perfektioniert werden können, weist darauf hin, dass geschäftliche Aspekte Priorität zu haben scheinen.
Intransparenz auch bei Bildmanipulationen
Bezüglich Authentizität der bei Getty angebotenen Bilder ist ebenfalls problematisch, dass Getty-Kunden nicht erfahren, wenn Fotografien so massiv manipuliert worden sind, dass niemand mehr von einer authentischen Fotografie sprechen würde: Das untenstehende Beispiel zeigt, welche Bildbearbeitungen Getty gemäss den kürzlich aktualisierten Richtlinien für Fotografen als zulässig erachtet, ohne diese Manipulationen den Nutzern offenzulegen.

Bildzitat: Screenshot aus den Bearbeitungsregeln von Getty Images. Oben Originalfotografie, unten zulässige Änderungen, die nicht deklariert werden müssen. Alle Rechte vorbehalten.
Getty nimmt zur Frage, weshalb modifizierte Bilder nicht als solche gekennzeichnet werden, wie folgt Stellung: «Getty Images verfolgt eine strenge Richtlinie, nach der alle KI-generierten oder modifizierten Inhalte aus unseren kreativen und redaktionellen Bibliotheken abgelehnt werden.» Leider ist so ziemlich das Gegenteil der Fall, wie in den Regeln für die Retusche und Bearbeitung auf der Homepage von Getty nachzulesen ist: Für die Retouche sind KI-Tools in einem definierten Umfang zulässig, und wie stark modifizierte Inhalte das Unternehmen akzeptiert, zeigt obenstehendes Bildpaar.
Für Informationsmedien ist es wichtig zu wissen, was sie ihrer Leserschaft anbieten. Solange Getty künstlich generierte Bilder als Fotografien anpreist, die keine sind, laufen seriöse Medien Gefahr, ihre Leserschaft an der Nase herumzuführen – unwissentlich zwar, aber eben doch. Dieselbe Problematik dürfte auch andere Bildagenturen betreffen. Bildagenturen sollten die Fotografen verpflichten, Bildmanipulationen, die den Bildinhalt signifikant verändern, zu deklarieren. Und die Bildagenturen müssten diese Deklaration dann ihrerseits den Nutzern klar sichtbar machen. Faktenbasierter Journalismus ist nur möglich, wenn man sich auf vertrauenswürdiges Quellmaterial stützten kann.