World Economic Forum

2026: KI ja, Demokratie vielleicht?

AlgorithmWatch CH reist nach Davos: Geschäftsleiterin Angela Müller und stellvertretende Geschäftsleiterin Stephanie Gygax werden an Veranstaltungen rund um das Weltwirtschaftsforum WEF teilnehmen. Ein Anlass, einen Schritt zurückzumachen und einzuordnen, wo wir zu Beginn des Jahres 2026 in Bezug auf Künstliche Intelligenz stehen – und was das alles für unsere Demokratie bedeutet. Ein Meinungsbeitrag von Angela Müller.

20. Januar 2026

Foto: Stephanie Gygax / AlgorithmWatch CH
Angela Müller
Dr. Angela Müller
Geschäftsleiterin AlgorithmWatch CH | Gesellschafterin AlgorithmWatch

Januar 2025: Das Bild der Tech-CEOs, die sich zur Amtseinführung Donald Trumps versammeln, geht um die Welt. Es illustriert nicht nur ihre enorme Konzentration an Geld und Macht, sondern auch, wie ideologisch verwoben sie mit der neuen US-Regierung in Washington bereits sind.

Januar 2026: Die Tech-Firmen schicken hochrangige Vertreter*innen ans WEF nach Davos. Auch Amazon-CEO Andy Jassy, Nvidia-Chef Jensen Huang oder Microsoft-Chef Satya Nadella werden erwartet. Kurz zuvor konnten wir in der NZZ am Sonntag lesen, dass Microsoft für alle Schweizer Parlamentsmitglieder den KI-Chatbot «Copilot» eingeführt hat – ob sie wollen oder nicht, ob sie es wissen oder nicht. Geheime Kommissionsprotokolle und andere vertrauliche Dokumente landen so potenziell in den Händen des US-Konzerns. Wie dieser damit umgeht, bleibt unklar. Das Parlament muss sich auf seinen Goodwill verlassen.

Die Episode steht vielleicht symbolisch für 2026: Nicht nur die Tech-CEOs und -CFOs sind allgegenwärtig auf dem politischen Parkett. Auch die KI wird allgegenwärtig – im persönlichen Alltag wie in der politischen Debatte. Und auf beiden Ebenen geht sie einher mit enormer Machtkonzentration bei wenigen riesigen Konzernen.

Die Wissenskrise

Unser Informationsökosystem verändert sich gerade fundamental. Google liefert nicht mehr nur Links, sondern inhaltliche Zusammenfassungen im «KI-Modus». Dieser ist bequem, aber unzuverlässig: manchmal wahr, manchmal ausgewogen, manchmal vollständig, manchmal aber auch nicht. Sicher ist: Er kann stets nur einen Ausschnitt der Realität widerspiegeln und eine Auswahl von Quellen heranziehen. Google wird so vom Gatekeeper zum Kurator von Information, seine Meinungsmacht weiter zementiert.

Gleichzeitig flutet «AI Slop» das Internet: KI-generierte Inhalte minderer Qualität, im besten Fall unterhaltsam (wir erinnern uns an den Pabst im Daunenmantel), im schlechtesten Fall geschmacklos (Trump mit Cocktail beim ‘Sünnele’ in Gaza) oder für Menschen schädlich. Elon Musks KI Grok erstellte sexualisierte Deepfakes von Frauen und Teenagern, darunter – besonders abscheulich – auch von Opfern der Tragödie in Crans-Montana.

Was entsteht, ist, was als «Krise des synthetischen Wissens» bezeichnet wurde: Als Wissen gilt, was wie Wissen aussieht. Die Quantität von Inhalten nimmt exponentiell zu, während ihre Qualität verwässert. Welchen Einfluss das alles auf unsere Demokratie hat, lässt sich noch gar nicht wirklich fassen.

Die KI als Gefährtin

Im persönlichen Alltag wird KI zunehmend als Gefährtin daherkommen: als Assistentin, die unsere Wünsche und To Dos kennt, unsere Arbeit erledigt, emotionalen Beistand leistet oder gar, wie von Sam Altman für ChatGPT angekündigt, erotische Bedürfnisse befriedigt. Einsame oder hilfsbedürftige Menschen lassen sich von Chatbots beraten – was auch schon in tragischen Suiziden von Teenagern endete. Die Systeme hören rund um die Uhr zu, sprechen in der ersten Person, schmeicheln und bestätigen uns. Das Kalkül ist simpel: Wir entwickeln starke Bindungen zu einer KI – und teilen mit ihr bereitwillig persönliche Daten und Gedanken. Das ist Geschäftsmodell: Die Anbieter wollen uns langfristig binden – und sie brauchen von Menschen gemachte Inhalte, um ihre KI-Systeme weiterzuentwickeln.

Die demokratische Chance

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen bieten sowohl die geplante KI-Regulierung des Bundesrates als auch der Gesetzesentwurf für Social Media und Suchmaschinen, der sich in der Vernehmlassung befindet, zentrale Gelegenheiten. Letzterer sieht wichtige Schritte vor, um unsere Grundrechte auf Online-Plattformen besser zu schützen, Forschung zu ermöglichen und Anbieter in die Verantwortung zu nehmen. Er setzt keine Regeln für Nutzende (zensuriert also auch nicht deren Inhalte auf Social Media), sondern für Anbieter – damit wir nicht dem Gutdünken der Tech-Konzerne überlassen bleiben. Wir sollten die wichtige Gelegenheit des Gesetzes aber auch nutzen, um weitere drängende Herausforderungen anzugehen, wie etwa, um Jugendliche auf Social Media besser zu schützen oder um Plattformen zu verpflichten, tatsächlich etwas gegen ihre gesellschaftlichen Risiken zu unternehmen.

Diese Gelegenheit zu nutzen ist auch deshalb wichtig, weil die Debatte rund um KI 2026 zunehmend zu polarisieren droht. Trump droht Europa, wenn es seinen Tech-Giganten Regeln aufsetzt, und erklärte an Weihnachten die Geschäftsführerinnen von HateAid, einer deutschen Organisation, die sich gegen Hassrede einsetzt, kurzerhand zu Personae non gratae. Peter Thiel, Pay-Pal-Gründer und Tech-Investor, vermutet in KI-Regulierung den «Antichristen», andere Silicon-Valley-Vordenker propagieren die Künstliche Superintelligenz und eine glanzvolle, postdemokratisch-technolibertäre Zukunft in Privatstädten in Grönland. Auf der anderen Seite werden Dystopien gemalt, in denen KI die Weltherrschaft übernimmt.

Beide Extreme verschleiern den Blick – und die zunehmende Polarisierung wird es nicht einfacher machen, sich den wirklich wichtigen Fragen zu widmen. Die Frage ist nicht, ob KI die grösste Lösung oder das grösste Problem der Menschheit ist. Die Frage sollte 2026 vielmehr lauten: Welche KI wollen wir?

Wenn es nicht nur KI in den Händen billionenschwerer Konzerne sein soll, dann brauchen wir gemeinwohlorientierte Alternativen, digitale Souveränität und demokratische Mitgestaltung im Umgang mit KI. KI-Kompetenz ist mehr als «know how to prompt». KI-Kompetenz ist 2026 vor allem auch Demokratiekompetenz: Warum braucht Demokratie starken, vielfältigen Journalismus, Zugang zu verlässlicher Information und eine konstruktive Debatte, in der wir uns auch mit anderen Meinungen respektvoll auseinandersetzen? Welche Rolle spielt Technologie dabei, wem kommt sie zugute und wie können wir sie sinnvoll einsetzen?

Solange wir uns mit AI Slop, schmeichelnden KI-Gefährten oder aufstachelnden Social-Media-Algorithmen herumschlagen müssen und uns dabei immer tiefer im Fangnetz der Abhängigkeiten von Big Tech verstricken, droht nämlich eine Frage unterzugehen: Wie könnten wir denn das Potenzial von KI nutzen, um die Gesellschaft und Demokratie zu stärken? Beides wäre 2026 bitter nötig.

Und: Auch das WEF täte gut daran, sich diesen Fragen zu widmen, als den Tech-CEOs den roten Teppich auszurollen.

Dieser Meinungsbeitrag erschien erstmals in leicht gekürzter Form am 11. Januar 2026 in der NZZ am Sonntag.

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