
Meinung
Ist das jetzt die Deepfake-Demokratie?
«AI Slop», Deepfakes, KI-Übersichten: Unsere Informationswelt wird gerade kräftig durchgeschüttelt. Das beschäftigt uns. Warum uns dies auch als Gesellschaft beschäftigen sollte, zeigt AlgorithmWatch CH Geschäftsleiterin Angela Müller im Meinungsbeitrag auf.

Unsere Informationswelt wird gerade kräftig durchgeschüttelt. Erstens werden unsere Feeds und Bildschirme jeden Tag mit einem Tsunami von Inhalten geflutet – und vieles davon ist KI-generiert. Sogenannter «AI Slop» ist im besten Falle unterhaltsam (wenn er etwa die scheinbare Zauberwirkung von Proteinshakes, Anlagemöglichkeiten oder Life-Hacks belegen soll), im schlechtesten Falle schädlich (etwa im Falle von sexualisierten Deepfakes). Was klar ist: Qualitativ hochstehend, gesellschaftlich bedeutend oder demokratisch relevant ist er wohl eher nicht. Das Problem dabei: Inmitten dieser Flut von irrelevanten Inhalten wird es für uns zunehmend schwierig, politisch und gesellschaftlich relevantere Dinge – etwa journalistische Inhalte – überhaupt erst noch zu sehen und wahrzunehmen.
Zweitens: Auch wenn Beiträge im journalistischen Gewand daherkommen – heute können wir uns nicht mehr einfach darauf verlassen, dass sie auch tatsächlich verlässlich sind. Denn gewisse KI-Chatbots erstellen völlig falsche Beiträge im Namen und mit dem Logo von etablierten Medien wie SRF, NZZ, Blick oder dem Tages-Anzeiger. Das zeigt eine neue Recherche von CORRECTIV.Schweiz, die auch bei watson erschienen ist: Klimawandel nicht real? Betrug bei den Nationalratswahlen? Messerangriff am Bahnhof Winterthur als Aktion des Geheimdienstes? Alles erfunden. Doch der KI-Chatbot macht dir trotzdem einen Artikel daraus und pappt ein Logo eines etablierten Medienhauses drauf.
Drittens: Unsere Informationen holen wir uns immer öfters in sogenannten KI-Übersichten, die uns auf Suchmaschinen bequem zusammenfassen, wonach wir gesucht haben. Doch damit wird die Suchmaschinenanbieterin von der Vermittlerin von Inhalten Dritter plötzlich zu einer eigentlichen Redakteurin: Sie entscheidet, welche Infos und Quellen als relevant gelten und wir zu sehen bekommen. Sie entscheidet aber gleichzeitig auch, welche unerwähnt bleiben – und damit wohl auch schleichend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Das hat auch unsere Untersuchung zu KI-Übersichten im Vorfeld der Abstimmung zur «10-Millionen-Schweiz-Initiative» gezeigt.
Doch wenn nun irrelevanter KI-Schrott zunehmend verlässliche Inhalte aus unseren Feeds verdrängt, irreführende Artikel im Namen eines Medienhauses erstellt und verbreitet werden können und Big-Tech-Firmen uns zusammenfassen, was wir wissen müssen (und was nicht), dann macht es das für uns nicht gerade einfacher, uns eine informierte Meinung zu bilden. Denn für eine informierte Meinungsbildung brauchen wir Zugang zu verlässlichen, vielfältigen und gesellschaftlich relevanten Informationen. Und dieser wird uns gerade ziemlich erschwert, wenn du mich fragst.
Wie gehen wir als Gesellschaft damit um? Und ist das jetzt die Deepfake-Demokratie? Das diskutiere ich am 16. September 2026 mit Chantal Galladé (Kantonsrätin GLP, Zürich) und Daniel Binswanger (Co-Chefredaktor, Republik) beim von uns organisierten und von Yves Bossart moderierten Podium im Rathaus Zürich.

