
Medienmitteilung
10-Millionen-Initiative: Das sagen die KI-Übersichten von Google und Bing dazu
AlgorithmWatch CH und das Institut für Informatik der Universität Zürich haben im Rahmen des Forschungsprojekts «RAISD» untersucht, wie die KI-generierten Antworten der Suchmaschinen von Google und Bing die Abstimmungsdebatte zur 10-Millionen-Initiative wiedergeben und welche Quellen sie dazu nutzen. Die Forschung weist auf Lücken im vorliegenden Gesetzesentwurf zur Regulierung von Online-Plattformen (VE-KomPG) hin.

Im vergangenen Jahr hat Google generative KI-Übersichten prominent in der meistbenutzten Internet-Suchmaschine integriert und auch Microsoft hat seiner Suchmaschine Bing KI-Übersichten hinzugefügt. Wie oft die KI-Zusammenfassungen im Zusammenhang mit Volksabstimmungen erscheinen und welche Quellen sie zitieren, haben Forschende von AlgorithmWatch CH und der Social Computing Group der Universität Zürich im Rahmen des gemeinsamen Forschungsprojekts «RAISD – Researching AI, Society & Democracy in Switzerland» untersucht.

«Unsere Forschung zeigt, dass die Bedeutung von KI-Übersichten für die demokratische Meinungsbildung stetig zunimmt. Gleichzeitig bleibt es enorm intransparent, nach welchen Kriterien die Anbieter diese generieren lassen, welche Quellen als relevant gelten und was alles unerwähnt bleibt. Um diese für unsere Demokratie wichtigen Fragen zu beantworten, brauchen wir besseren Zugang zu den Daten aus den Unternehmen. Heute ist dieser kaum gegeben.»
Dr. Corinna Hertweck, Forschungsleiterin
Das Forschungsteam, bestehend aus Informatiker*innen und Politikwissenschaftler*innen, hat mittels eines automatisierten Verfahrens den Suchmaschinen Google und Bing typische Suchanfragen von Stimmbürger*innen zur 10-Millionen-Initiative gestellt, wie «nachhaltigkeitsinitiative argumente» oder «10 millionen schweiz initiative wie abstimmen?». Das Team hat insgesamt über 170'000 Suchanfragen zwischen dem 13.04.-14.06.2026 gestellt und die Antworten systematisch ausgewertet. Die Resultate sind über ein interaktives Dashboard zugänglich zur eigenen Analyse.
Wann erscheinen «AI Overviews»?
Bei Google zeigt sich zwischen den untersuchten Sprachen eine hohe Variation: Knapp sechs von zehn Suchanfragen auf Französisch (56%), Rätoromanisch (55%) und Englisch (57%) hat Google mit «AI Overviews» beantwortet. Dabei wurden rätoromanische Suchanfragen oft als Italienisch interpretiert bzw. beantwortet. Bei Suchanfragen auf Deutsch (33%) und Italienisch (23%) erschien noch bei drei bzw. zwei von zehn der Suchanfragen eine KI-Zusammenfassung, jedoch mit hoher Variation (siehe Bild). Insgesamt hat Google rund vier von zehn Suchanfragen (43%) mit «AI Overviews» beantwortet.

Anmerkung: Unter allen 128 getesteten Suchbegriffen auf Deutsch hat Google bei rund einem Viertel (23%) fast immer (>95%) eine KI-Übersicht angezeigt, etwa bei «nachhaltigkeitsinitiative argumente» oder «chaos initiative wie abstimmen?». Gleichzeitig haben fast die Hälfte (47%) unserer deutschsprachigen Suchbegriffe fast nie (<5%) eine KI-Übersicht ausgelöst, etwa bei «keine 10 millionen schweiz pro» oder «10 millionen schweiz nein».
Bei Bing geht das Forschungsteam davon aus, dass Microsoft Massnahmen ergriffen hat, die automatisierte Tests erkennen und dann entsprechend andere Suchergebnisse anzeigen, beispielsweise nicht auf die Suchanfrage bezogene Ergebnisse auf Chinesisch. So wurden in den ersten Tagen der Untersuchung noch rund 80% der Suchanfragen mit KI-Übersichten beantwortet. Innerhalb weniger Tage fiel dieser Wert jedoch meist in den niedrigen einstelligen Bereich bis hin zu 0% (siehe Bild). Dies erschwert wissenschaftliche Untersuchungen wie die Vorliegende und veranschaulicht, warum es notwendig ist, dass KI-Anbieter verpflichtet werden, Datenzugang für Forschung im öffentlichen Interesse zu schaffen.

Welche Quellen bevorzugt die KI?
Die Untersuchung zielte auch darauf ab, zu verstehen, was der Schweizer Bevölkerung von Suchmaschinen mittels KI-Übersichten über bevorstehende Abstimmungen mitgeteilt wird und welche Webseiten die KI als Quellen verwendet.
- Wenig ausgewogene Quellen: Nur rund ein Drittel (Google: 32%, Bing: 37%) der Webseiten-Links, die in den KI-Übersichten zitiert wurden, boten einen ausgewogenen Überblick über die Argumente. Meist waren dies Behördenwebseiten oder journalistische Beiträge. Die restlichen Webseiten-Links führten zu Inhalten, die tendenziell eher für bzw. gegen die Initiative sprachen (etwa zum Pro-Komitee oder zu Berichten über Medienkonferenzen der Contra-Seite).
- Wenig Quellenvielfalt: Die Daten zeigen, dass Googles KI-Übersichten am häufigsten den Bundesrat inkl. Behörden (20%), die SRG (13%), YouTube (10%) und die SVP (8%) zitierten. Bing zitierte am häufigsten die SRG (18%), den Bundesrat inkl. Behörden (17%), das offizielle Pro-Komitee (12%), die SVP (11%) und blue News (9%).
- Contra-Seite mehr zitiert, aber SVP meist zitierte Partei: Sowohl bei Google als auch bei Bing führten die von der KI angegebenen Links bei der Contra-Seite zu diversen Webseiten, während Links der Pro-Seite mehrheitlich zur SVP und dem Pro-Komitee führten. Bei den KI-Zusammenfassungen von Google zeigte sich, dass Webseiten mit Inhalten eher gegen die Initiative (49%) mehr als dreimal häufiger zitiert wurden als Webseiten mit Inhalten eher für die Initiative (16%). Bei Bing war das Verhältnis von pro (28%) und contra (32%) ausgerichteten Webseiten etwas ausgeglichener. Dennoch war die SVP die mit Abstand meist zitierte Partei: Die Bing-KI zitierte die SVP (11%) über vierzehnmal häufiger als alle anderen Parteien, die jeweils weniger als 1% der verwendeten Quellen ausmachten. Währenddessen verwendete Googles KI-Übersicht Inhalte der FDP (1,8%), der SP (1,8%) und der GLP (1,2%) vier bis sieben mal seltener als die der SVP (8%). Alle weiteren Parteien machten weniger als 1% der in den Google-KI-Übersichten verwendeten Quellen aus.
Eine ähnliche, fast zeitgleich erschienene, Untersuchung von Feinheit hat die Inhalte der KI-Übersichten zur 10-Millionen-Initiative analysiert. Diese kommt zum Schluss, dass Google’s KI-Übersichten hinsichtlich den generierten Inhalten der Argumentation der Initianten nähersteht. Obwohl also Quellen der Contra-Seite öfters zitiert wurden, wie unsere Studie zeigt, bedeutet dies nicht automatisch, dass auch die generierten Inhalte tendenziell gegen die Initiative sprachen.
Regulierung von Suchmaschinen und Social Media – und auch KI-Übersichten?
Unsere Untersuchung zeigt: Mit der Verbreitung von «AI Overviews» entscheiden Suchmaschinen-Anbieter zunehmend, welche Informationen und welche Quellen als relevant gelten – und welche nicht. KI-Übersichten verdichten eine potenziell grosse Anzahl an Quellen und Perspektiven zu einem Thema auf eine einzige und neutral wirkende Antwort. Hierbei verschwimmt die ursprüngliche Funktion von Suchmaschinen, die Vermittlung von Informationen, mit der Erstellung von Inhalten: Damit werden die Anbieter redaktionell tätig. Entsprechend sollten sie auch stärker zur Verantwortung gezogen werden können.

«Diese Konzentration von Meinungsmacht beisst sich mit wichtigen Voraussetzungen für eine Demokratie, wie einer vielfältigen Medienlandschaft und dem Zugang zu verlässlicher Information. Bei den geplanten Regulierungen von Online-Plattformen und KI fällt generative KI auf Online-Plattformen derzeit zwischen Stuhl und Bank: Bundesrat und Parlament sind jetzt gefragt, die laufenden Entwicklungen ernst zu nehmen, um eine informierte demokratische Meinungsbildung zu gewährleisten.»
Angela Müller, Geschäftsleiterin AlgorithmWatch CH
Der Einfluss dieser KI-Übersichten wird zunehmen. Inzwischen hat Google gar das Ende der klassischen Suche bekanntgegeben. «AI Overviews» und «AI Mode» sollen zum neuen Standard bei Suchanfragen werden: KI-generierte Antworten statt einer Liste mit Links, so das Credo. In der Schweiz setzt sich AlgorithmWatch CH daher dafür ein, dass bei der geplanten Regulierung von Suchmaschinen und Social Media auch generative KI-Anwendungen, darunter KI-basierte Suchmaschinen, vom Geltungsbereich erfasst werden. Denn die Untersuchung zeigt, dass diese einen zunehmenden Einfluss auf die demokratische Meinungsbildung insgesamt haben.



